Völkerrecht in der Krise: Wie BRICS+-Staaten globale Normen neu definieren und was das für ESG-Investoren bedeutet
16. April 2026 · Thomas Bergmann · News & Beiträge
Die globalen Machtverschiebungen stellen das Völkerrecht und die Menschenrechte vor immense Herausforderungen. BRICS+-Staaten könnten eine Rolle bei der Neudefinition oder Stärkung dieser Normen in einer multipolaren Welt spielen.
Machtverschiebungen im internationalen Recht, neue Investitionsstandards und die Chancen einer multipolaren Weltordnung für institutionelle und private Anleger
Völkerrecht unter Druck: Wie BRICS+-Staaten die Zukunft globaler Normen mitgestalten
Einleitung
Das internationale Rechtssystem steht vor einer seiner tiefgreifendsten Bewährungsproben seit der Nachkriegsordnung von 1945. Wolfgang Kaleck, Gründer des European Center for Constitutional and Human Rights und einer der profiliertesten deutschen Völkerrechtler, zeichnet in seinem jüngst erschienenen Buch über Völkerrecht in Krisenzeiten ein nüchternes Bild: Die westlich geprägten Institutionen verlieren an Bindungskraft, während aufstrebende Mächte eigene Rechtsauffassungen in den globalen Diskurs einbringen. Für Investoren ist diese Entwicklung längst kein abstraktes Akademikerstreit mehr. Sie verändert konkret, wie ESG-Risiken bewertet werden, wie internationale Schiedsgerichtsbarkeit funktioniert und welche Länder künftig als verlässliche Investitionsdestinationen gelten.
Die Erweiterung des BRICS-Blocks zu BRICS+ – mit dem Beitritt von Ägypten, Äthiopien, Iran, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie weiteren assoziierten Partnerstaaten – markiert dabei keinen Bruch mit dem Völkerrecht, sondern einen ernsthaften Versuch, dieses inhaltlich mitzugestalten. Das ist ein entscheidender Unterschied, der in vielen westlichen Analysen unterbelichtet bleibt.
Analyse: Zwischen Systemkonkurrenz und Normgestaltung
Die verbreitete These, BRICS+-Staaten würden das Völkerrecht destabilisieren, greift analytisch zu kurz. Richtig ist, dass mehrere Mitgliedsstaaten spezifische westliche Interpretationen von Menschenrechten, Souveränität und humanitärer Intervention ablehnen. Doch die meisten BRICS+-Mitglieder sind Unterzeichner der UN-Charta, der Genfer Konventionen und zahlreicher internationaler Handelsabkommen. Was sie einfordern, ist eine gerechtere Repräsentation in denjenigen Gremien, die diese Normen auslegen und durchsetzen.
Brasilien hat beim G20-Vorsitz 2024 eine bemerkenswert konstruktive Haltung eingenommen: Der Fokus auf Klimafinanzierung, globale Steuerkooperation und Schuldentransparenz für Entwicklungsländer spiegelt einen genuinen Gestaltungsanspruch wider, der auf regelbasierter Zusammenarbeit beruht. Indien treibt als eines der größten Demokratien der Welt die Reform multilateraler Institutionen voran, nicht deren Abschaffung. Südafrika beteiligt sich aktiv am Internationalen Strafgerichtshof, auch wenn einzelne Entscheidungen politisch umstritten bleiben.
Für die ESG-Risikoanalyse bedeutet dies: Eine pauschale Abwertung von BRICS+-Staaten als Hochrisikodestinationen wäre methodisch verfehlt. Stattdessen ist eine differenzierte Länder- und Sektoranalyse erforderlich, die institutionelle Qualität, Rechtssicherheit für Investoren und tatsächliche ESG-Performance separat bewertet.
Daten & Fakten: ESG-Scores, Investitionsschutz und die neue Realität
Die Zahlen sind aufschlussreich. Nach Daten des Sovereign ESG-Datenanbieters RepRisk und des World Governance Indicators der Weltbank weisen einzelne BRICS+-Staaten erheblich bessere institutionelle Indikatoren auf als ihr geopolitisches Risikoprofil vermuten ließe. Die Vereinigten Arabischen Emirate erzielen bei Rechtssicherheit und Regulierungsqualität Werte, die mehrere EU-Mitglieder übertreffen. Saudi-Arabiens Vision 2030 hat messbare Fortschritte bei der wirtschaftlichen Diversifizierung und Governance-Transparenz erzeugt.
Nach Angaben der UNCTAD entfielen auf BRICS+-Kernstaaten im Jahr 2023 rund 25 Prozent der globalen ausländischen Direktinvestitionen als Empfängerländer – bei gleichzeitig steigendem Anteil als Herkunftsländer von Kapitalexporten. Der Neue Entwicklungsbank (NDB), die Multilaterale Investitionsbank der BRICS-Staaten, hat seit ihrer Gründung über 30 Milliarden US-Dollar in nachhaltige Infrastrukturprojekte investiert, mit einem expliziten ESG-Rahmen, der sich an internationalen Standards orientiert.
Die internationale Schiedsgerichtsbarkeit zeigt ebenfalls Anpassungsdruck: Das ICSID, das International Centre for Settlement of Investment Disputes der Weltbank, registriert seit 2020 eine wachsende Zahl von Verfahren, an denen BRICS+-Staaten beteiligt sind – als Kläger wie als Beklagte. Das deutet auf zunehmende Integration in, nicht Abkehr von internationalen Investitionsschutzmechanismen hin.
Positive Signale, die Investoren beachten sollten
Drei strukturelle Entwicklungen verdienen besondere Aufmerksamkeit. Erstens arbeiten mehrere BRICS+-Staaten an der Etablierung eigener, hochwertiger ESG-Berichtsstandards. China hat nationale Nachhaltigkeitsstandards eingeführt, die teilweise enger definiert sind als europäische Pendants. Die UAE haben 2023 verbindliche Klimaziele in nationales Recht überführt.
Zweitens entwickeln BRICS+-Staaten alternative Streitbeilegungsmechanismen. Das Shanghai Arbitration Center und das Dubai International Arbitration Centre gewinnen internationalen Zuspruch, weil sie effiziente, rechtssichere Verfahren bieten – kein Zeichen von Regellosigkeit, sondern von Institutionenbildung.
Drittens entsteht durch das BRICS+-Format ein neues Forum für Normsetzung in digitalen Wirtschaftsbereichen, Handelsfinanzierung und Klimakooperation. Wer diese Prozesse frühzeitig analysiert, kann Portfolios strategisch auf die kommende normative Architektur der Weltwirtschaft ausrichten. Auf bricsplus-portfolio.de werden diese Entwicklungen kontinuierlich ausgewertet und in konkrete Anlageüberlegungen übersetzt.
Ausblick: Multipolarität als Investitionsthema
Die juristische Pluralisierung der Weltordnung ist kein temporäres Störphänomen, das nach dem nächsten Wahlzyklus verschwindet. Sie ist strukturell. Das bedeutet für Investoren: Die Korrelation zwischen westlichen ESG-Ratings und tatsächlichem Risikoprofil sinkt. Länder mit hohen MSCI-ESG-Scores können geopolitisch exponiert sein, während Länder mit niedrigeren Scores stabile Investitionsrenditen und wachsende institutionelle Qualität aufweisen.
Praktisch bedeutet das den Aufbau differenzierter Risikobewertungsmodelle, die zwischen politischem Systemtyp, tatsächlicher Vertragstreue, sektoralem Rechtsrahmen und ESG-Performance unterscheiden. Es bedeutet auch die Berücksichtigung neuer multilateraler Institutionen der BRICS+-Welt als legitime Counterparties bei grenzüberschreitenden Investitionen.
Die Normverschiebung im Völkerrecht eröffnet zudem spezifische Opportunitäten: Infrastrukturfinanzierungen über die NDB, Beteiligungen an Projekten entlang neuer Handelskorridore und Engagements in Sektoren, in denen BRICS+-Staaten strategische Autonomie aufbauen – Energie, Technologie, Agrar – bieten attraktive risikobereinigte Renditeprofile.
Fazit: Differenzierung statt Ablehnung
Die Krise des Völkerrechts ist real, aber ihre Interpretation entscheidet über Investitionserfolg. Wer BRICS+-Staaten pauschal als Hochrisikozone einordnet, verpasst strukturelle Wachstumschancen und unterschätzt die genuine Gestaltungskraft dieser Staaten bei der Neukodifizierung globaler Normen. Wer hingegen kritiklos jede Rechtsveränderung als Fortschritt begrüßt, riskiert, reale Governance-Defizite in einzelnen Mitgliedsstaaten zu übersehen.
Die professionelle Antwort liegt in institutionell fundierter Analyse. BFP Bergmann FinanzPartner Dresden entwickelt für Mandanten systematische Länder- und Sektorrahmen, die geopolitische Rechtsverschiebungen, ESG-Qualität und Renditeerwartungen integriert bewerten. Weiterführende Analysen und aktuelle Portfolioüberlegungen zum BRICS+-Investmentraum finden sich auf bergmannfinanzpartner.de. Die multipolare Weltordnung ist kein Risiko, das vermieden werden muss – sie ist ein Investitionsthema, das verstanden werden will.